Jannik

Kleines Projekt oder Flucht vor Carl

Wir machen auf die letzten Tage des Schuljahres hin noch ein kleines Projekt.

„Alltag eines Jugendlichen in unserer modernen Umgebung“.

Ich habe erst gestutzt und mir gar nichts darunter vorstellen können, aber nach und nach hat uns meine Deutschlehrerin Frau Reinlich alles erklärt. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt und jede Gruppe bekam eine bestimmte Aufgabe.

Jetzt darf jeder mal raten, wen ich als Partner bekam.

Nein, nicht Carl - ich hatte richtig Glück! Lilia.

Carl war mit seinen komischen Kumpels zusammen und bekam die Aufgabe „Wie leicht bekommt ein jugendlicher Alkohol und wie rechtfertigen sich die Verkäufer?“ Die drei haben sich natürlich gefreut wie junge Hunde.

Lilia und ich haben die Aufgabe: „Wie leicht bekommt ein Jugendlicher einen Job, was verdient er durchschnittlich und wie leicht oder schwer ist die Arbeit?“

Keine schlechte Aufgabe, wie ich finde. Und mit Lilia macht es bestimmt noch mehr Spaß.

Wir haben uns für morgen Nachmittag verabredet, um ein kleines Konzept zu machen und dann die ersten Versuche zu starten.

Ich habe Carl wohl doch länger los, als gedacht.

Nina, meine Schwester, hat glaube ich doch diesen Manuel kennen gelernt. Oder einen anderen dieser Zombies, denn sie sitzt seit Stunden mal hier mal da und schreibt SMS. Meine Mutter hat ihr beim Essen zwar gedroht, das Handy wegzunehmen, aber wann hätte das Nina schon je gestört?

Ich hoffe nur, dass mir der Anblick eines dieser Neandertaler erspart bleibt …

1 Kommentar 29.6.07 20:36, kommentieren

Englisch üben

Ich bin Carl entkommen! Und Lilia im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme gelaufen.

In der Pause schleppte mich Carl schon wieder mit sich, bis Lilia, ein hübsches, typisch gestriegeltes Mädchen aus meiner neuen Klasse, eingriff und mich von Carl erlöste. Wahrscheinlich nicht auf Dauer, aber ein Tag ist schon mal gut. Ich kenne Carl zwar erst seit etwas mehr als 72 Stunden, aber das reicht vollkommen aus.

Aber zurück zu Lilia. Ich muss sagen, echt nett. Sie hat mich gefragt, ob wir nicht zusammen auf die Englischarbeit lernen wollten. Ich sah da zwar keinen Sinn, da die Arbeit für mich sowieso nicht zählt (von wegen „Janniks Noten aus seiner alten Schule werden übernommen, da 4 Wochen für eine ausgereifte Notenvergabe zu wenig sind“ ), aber ich habe dennoch zugestimmt. Sie sah einfach so nett aus.

Wir haben uns dann in die Bücherei verzogen - eine eindeutig Carl freie Zone!

Ich hätte mich ja gerne mehr umgeschaut, aber Lilia zerrte mich gleich an einen Tisch und breitete ihr Englischzeug aus.

Schlecht kann sie nicht sein, denn sie wusste alle Antworten und ich so gut wie keine. Zwar habe ich es auf die Tatsache geschoben, dass wir ein ganz anderes Englischbuch in meiner alten Schule hatten (stimmt nicht), aber mit der Zeit habe ich dann doch mehr mitbekommen, als ich dachte.

Über was ich mit Lilia sonst noch so geredet habe, weiß ich nicht mehr. Es ist wie wegradiert, was nichts Schlechtes heißen muss. Lilia erschien mir sehr sympathisch und ich glaube, ich kann sie ganz gut leiden.

Dass sie mich leiden kann, ist unübersehbar. (- Behaupte ich jetzt -)

Mehr ist heute nicht passiert.

28.6.07 21:16, kommentieren

Tag 2 in der Hölle

Ich glaube, ich bin in der Hölle gelandet. Nein, nicht mit Fegefeuern, kleinen roten Teufeln und Spießen. Wobei, Teufel gibt es auch.

Meine neue Schule ist der absolute Horror. Die Unterstufe lebt wie in der Steinzeit und hat nichts Besseres zu tun, als größere Schüler zu bewerfen (die Steinschleuder ist wieder in) oder Lehrer zu rufen, wenn sie selbst zurückgeärgert werden. Von der 8. bis zur 10. Klasse kann man eigentlich alle über einen Kamm scheren. Sehr auf das Äußerliche bezogen (wie man es ja gerne der Jugend nachsagt) und immer noch im Kleinkrieg Jungen gegen Mädchen. Die Oberstufe lässt sich erst gar nicht blicken, zumindest habe ich bis jetzt noch niemand gesehen, der etwa in dem Alter sein könnte.

Und die Lehrer … ich sage lieber nichts, von denen bekomme ich ja Noten.

Der Unterricht ist entweder sterbenslangweilig oder man kämpft darum, den Lehrer überhaupt zu sehen, weil in der Reihe vor einem ein halbes Dutzend Jungen (9. Klässler, ja wirklich) meinen, sich prügeln zu müssen. Ich fühle mich schon jetzt, als hätte ich eine Gehirnwäsche bekommen und das am zweiten Tag!

Leider habe ich auch meinen Willen „Nein“ zu sagen in meiner Heimatstadt gelassen, weshalb ich heute von Carl mit in ein Jugendhaus geschleppt wurde. Jugendhaus ist vielleicht die falsche Bezeichnung, viel mehr „Platz, an dem sich Jugendliche - geschützt vor den Eltern - in dunklen Ecken betrinken können, oder mal eine Kippe rauchen“.

Carl hat mich allen als sein Freund vorgestellt, aber ich hätte mich in der Situation eher als wehrloses Opfer bezeichnet. Wir standen nur herum, Zigaretten machten die Runde (ich habe nicht an einer gezogen!) und die anderen redeten über Dinge, von denen ich im Leben noch nichts gehört habe.

Ich habe es überstanden - das ist das einzige was zählt. Nachdem Carl dann mich nach Hause gebracht hat, ich ihn vor der Tür aber noch abwimmeln konnte, war ich endlich in Sicherheit. Abgesehen von den zwei kichernden Mädchen, die meine Schwester bei sich im Zimmer hatte. Leider sind die Wände so dünn, in unserer neuen Wohnung.

Zumindest weiß ich jetzt, wie der „süßeste Junge der ganzen Schule“ heißt. Manuel.

Am Abend habe ich zum ersten Mal gebetet. Dafür, dass Carl mich in Ruhe lässt und dafür, dass Nina niemals diesen Manuel kennen lernt.

27.6.07 21:16, kommentieren

Ein Sprung ins kalte Wasser oder wie man unsentimental wird

Das Leben bringt Veränderungen, wie weise mein Vater doch immer sein will. Ich habe es ihm nicht geglaubt, als er mehr beiläufig am Abendtisch erwähnte, wir würden nächsten Monat umziehen. Ich glaubte, es wäre ein Scherz und habe gelacht, aber meine Schwester, mein Vater und meine Mutter sahen mich nur blöd an.

Spätestens als wir fünf Wochen später im Auto saßen und unser gesamtes Hab und Gut in Kisten verpackt in einem Lkw verschwunden war, glaubte ich es. Am liebsten hätte ich ja alles in meiner wunderbaren Heimatstadt noch einmal fotografiert, aber wie immer drängte die Zeit und meine Eltern sind keine sentimentalen Menschen. Nina, meine Schwester, auch nicht. So blieb mir nichts als die vor der Autoscheibe verschwindende Stadt in meine Erinnerungen einschließen zu wollen.

Jetzt bin ich auch nicht mehr sentimental, das habe ich beschlossen. Der alte Jannik lebt immer noch glücklich in seiner Heimatstadt, bei Ben, Matze und all den anderen Deppen, die mir über die Jahre hinweg so oft schon gezeigt haben, was Freundschaft ist.

Erster Tag in der neuen Stadt und schon Verantwortung am Hals. Früher habe ich mich immer aus allem herausgehalten und das ist der Beweis dafür, dass ich mein altes Ich zurückgelassen habe: Ich habe mich gemeldet.

Das klingt jetzt verwirrend, aber ich hatte heute meinen ersten Schultag in dem neuen Gymnasium. Ich erspare mir, alle Einzelheiten mir noch einmal in Erinnerung rufen, denn das war zu viel auf einmal.

Ich wurde nicht mit offenen Armen empfangen, mag es an meiner Erscheinung (schlicht, unauffällig und still - so wie ich es mag) liegen, oder an der Tatsache, dass es noch 4 Wochen bis zu den großen Ferien sind und keiner mit einem Neuen gerechnet hätte.

Die Lehrerin, Frau Back, setzte mich neben einen seltsamen Jungen, der anscheinend auf den Namen Carl hört, aber auch nicht immer, wie ich feststellen durfte. Ich durchlebte die üblichen Stunden, durfte jedem Lehrer die Handschütteln und immer und immer wieder erzählen, dass mein Vater eine neue Stelle in der Stadt hat und wir deshalb jetzt schon umziehen mussten.

In der Pause suchte ich dann verzweifelt nach meiner Schwester Nina, die sich schon besser eingelebt hatte, als ich und bereits zu einer Clique gehörte. Wie schnell das bei ihr geht!

Ich hingegen kaufte mir ein überteuertes Käsebrot beim schuleigenen Bäcker (meine Mutter war am Morgen total in Hektik geraten und hat mich geradezu vergessen) und verkroch mich in eine Ecke des Schulhofes. Ich hasse diese Schule jetzt schon. Nicht nur, weil sich Carl in den Kopf gesetzt hatte, mir Gesellschaft zu leisten.

Dieser Typ ist einfach das Grauen in Person. Er sieht etwa so aus, wie die klassischen Skater, nur noch ein bisschen heruntergekommener. Stets einen „lockeren“ Spruch auf den Lippen und ein Riesenpotential zum nerven.

Um zu der neuen Verantwortung zurück zu kommen (nein, ich muss mich nicht um Carl kümmern, als sei er mein Meerschwein, dafür liebe ich Benno einfach viel zu sehr):

Im Deutschunterricht lernte ich wohl die schrägste Lehrerin der Welt kennen. Frau Reinlich. Ich finde nicht, dass der Name zu ihr passt, denn mir kommt sie jetzt schon wahnsinnig vergesslich vor. Erst kam sie zu spät, ganze 15 Minuten, und dann redete sie nur. Noch nicht einmal zu dem passend, was ich mir unter Deutschunterricht vorstelle. Die Klasse sollte erzählen, was ihr schönstes Erlebnis war und sich dann vorstellen, was ihr schönstes Erlebnis in 30 Jahren sein würde.

Ich war schlichtweg überfordert. Woher soll ich das wissen?

Und irgendwann, Frau Reinlich suchte gerade etwas in ihrer Tasche, fand sie durch Zufall einen Zettel, den sie meiner neuen Klasse 8c schon „längst mal zeigen“ wollte.

Das Leben ist ein Buch.

Darunter kann man sich viel vorstellen, aber dahinter steckt ein Projekt, dass Jugendliche zum Schreiben animieren soll. 6 Monate lang Tagebuch führen und später schauen, wie man sich verändert hat.

„Gerade in eurem Alter ist das sehr spannend“, meinte Frau Reinlich und suchte dann fünf Freiwillige.

Wie es das Schicksal so wollte, war ich einer der Unglücklichen, der sich zwar nicht gemeldet hat, aber dennoch genommen wurde.

Jetzt hocke ich hier, mit dem komischen Büchlein, das ich mir nach der Schule kaufen sollte. Mir tut die Hand schon weh und ich glaube, ich höre an der Stelle mal lieber auf.

26.6.07 20:33, kommentieren


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