Ein Sprung ins kalte Wasser oder wie man unsentimental wird

Das Leben bringt Veränderungen, wie weise mein Vater doch immer sein will. Ich habe es ihm nicht geglaubt, als er mehr beiläufig am Abendtisch erwähnte, wir würden nächsten Monat umziehen. Ich glaubte, es wäre ein Scherz und habe gelacht, aber meine Schwester, mein Vater und meine Mutter sahen mich nur blöd an.

Spätestens als wir fünf Wochen später im Auto saßen und unser gesamtes Hab und Gut in Kisten verpackt in einem Lkw verschwunden war, glaubte ich es. Am liebsten hätte ich ja alles in meiner wunderbaren Heimatstadt noch einmal fotografiert, aber wie immer drängte die Zeit und meine Eltern sind keine sentimentalen Menschen. Nina, meine Schwester, auch nicht. So blieb mir nichts als die vor der Autoscheibe verschwindende Stadt in meine Erinnerungen einschließen zu wollen.

Jetzt bin ich auch nicht mehr sentimental, das habe ich beschlossen. Der alte Jannik lebt immer noch glücklich in seiner Heimatstadt, bei Ben, Matze und all den anderen Deppen, die mir über die Jahre hinweg so oft schon gezeigt haben, was Freundschaft ist.

Erster Tag in der neuen Stadt und schon Verantwortung am Hals. Früher habe ich mich immer aus allem herausgehalten und das ist der Beweis dafür, dass ich mein altes Ich zurückgelassen habe: Ich habe mich gemeldet.

Das klingt jetzt verwirrend, aber ich hatte heute meinen ersten Schultag in dem neuen Gymnasium. Ich erspare mir, alle Einzelheiten mir noch einmal in Erinnerung rufen, denn das war zu viel auf einmal.

Ich wurde nicht mit offenen Armen empfangen, mag es an meiner Erscheinung (schlicht, unauffällig und still - so wie ich es mag) liegen, oder an der Tatsache, dass es noch 4 Wochen bis zu den großen Ferien sind und keiner mit einem Neuen gerechnet hätte.

Die Lehrerin, Frau Back, setzte mich neben einen seltsamen Jungen, der anscheinend auf den Namen Carl hört, aber auch nicht immer, wie ich feststellen durfte. Ich durchlebte die üblichen Stunden, durfte jedem Lehrer die Handschütteln und immer und immer wieder erzählen, dass mein Vater eine neue Stelle in der Stadt hat und wir deshalb jetzt schon umziehen mussten.

In der Pause suchte ich dann verzweifelt nach meiner Schwester Nina, die sich schon besser eingelebt hatte, als ich und bereits zu einer Clique gehörte. Wie schnell das bei ihr geht!

Ich hingegen kaufte mir ein überteuertes Käsebrot beim schuleigenen Bäcker (meine Mutter war am Morgen total in Hektik geraten und hat mich geradezu vergessen) und verkroch mich in eine Ecke des Schulhofes. Ich hasse diese Schule jetzt schon. Nicht nur, weil sich Carl in den Kopf gesetzt hatte, mir Gesellschaft zu leisten.

Dieser Typ ist einfach das Grauen in Person. Er sieht etwa so aus, wie die klassischen Skater, nur noch ein bisschen heruntergekommener. Stets einen „lockeren“ Spruch auf den Lippen und ein Riesenpotential zum nerven.

Um zu der neuen Verantwortung zurück zu kommen (nein, ich muss mich nicht um Carl kümmern, als sei er mein Meerschwein, dafür liebe ich Benno einfach viel zu sehr):

Im Deutschunterricht lernte ich wohl die schrägste Lehrerin der Welt kennen. Frau Reinlich. Ich finde nicht, dass der Name zu ihr passt, denn mir kommt sie jetzt schon wahnsinnig vergesslich vor. Erst kam sie zu spät, ganze 15 Minuten, und dann redete sie nur. Noch nicht einmal zu dem passend, was ich mir unter Deutschunterricht vorstelle. Die Klasse sollte erzählen, was ihr schönstes Erlebnis war und sich dann vorstellen, was ihr schönstes Erlebnis in 30 Jahren sein würde.

Ich war schlichtweg überfordert. Woher soll ich das wissen?

Und irgendwann, Frau Reinlich suchte gerade etwas in ihrer Tasche, fand sie durch Zufall einen Zettel, den sie meiner neuen Klasse 8c schon „längst mal zeigen“ wollte.

Das Leben ist ein Buch.

Darunter kann man sich viel vorstellen, aber dahinter steckt ein Projekt, dass Jugendliche zum Schreiben animieren soll. 6 Monate lang Tagebuch führen und später schauen, wie man sich verändert hat.

„Gerade in eurem Alter ist das sehr spannend“, meinte Frau Reinlich und suchte dann fünf Freiwillige.

Wie es das Schicksal so wollte, war ich einer der Unglücklichen, der sich zwar nicht gemeldet hat, aber dennoch genommen wurde.

Jetzt hocke ich hier, mit dem komischen Büchlein, das ich mir nach der Schule kaufen sollte. Mir tut die Hand schon weh und ich glaube, ich höre an der Stelle mal lieber auf.

26.6.07 20:33

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